Libyen – als es noch friedlich war

Bildergalerie Libyen 2001

Die aktuellen Ereignisse aus Libyen lassen mich gleichzeitig hoffen und bangen. Es herrscht Krieg. Doch ich kenne Libyen auch anders… als ich gerade mal 19 Jahre alt war:

2001, drei Wochen nachdem ich meinen Motoradführerschein rechtzeitig innerhalb einer Woche inne hatte, ging es mit einem 90er Landrover Defender Oldtimer, einer Kawasaki und meiner damaligen Honda Transalp und 160 Liter Diesel und Benzin nach Genua über die Fähre nach Tunesien zu unserem Hauptziel Libyen.

Wo wir in Tunesien von Schulkindern bei unserer Durchfahrt durch Dörfer mit Steinen beworfen wurden stellte sich unsere Zeit in Libyen ganz anders dar. Die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft in Libyen war überwältigend und ist bisher nicht mit meinen anderen Reisezielen wie z.B. Kuba oder den USA zu vergleichen.

Ich erinnere mich noch gerne an…

  • die drei Jungs von dem kleinen Imbissstand  – von uns liebevoll „Litte Pizza“ genannt in der Nähe des Grünen Platzes (oder neuerdings „Platz der Märtyrer“ genannt).
  • an den Farbigen „Musa“ (Moses), der uns mehrere Tage durch Tripolis begleitete und als Fremdenführer gute Dienste leistete. Dabei stand er unserem Dank in Form von kleinen Aufmerksamkeiten eher abneigend gegenüber, sonder erachtete seine Hilfe als absolute Pflicht und ehrenhafte Aufgabe.
  • an den Menschenauflauf zahlreicher Libyer die alle zusammen auf unsere Motorräder aufpassen wollten, als wären es ihre eigenen, ohne jegliche Gegenleistung empfangen zu wollen.
  • an die junge Frau am Flughafen (der kürzlich stark umkämpft war), die uns in nur (!) sechs Stunden durch alle Formalitäten für meinen neuen Kettensatz durch den Zoll geleitete und ihre Kontakte bestens nutzte. (ohne Sie hätten wir Tage gebraucht oder es gar nicht geschafft).
  • an die Mechaniker der vielen Motorrad- und Autowerkstätten, die die Schäden unserer Materialschlachten mit einfachsten Mitteln, stoischer Ruhe und in einer für afrikanische Verhältnisse durchaus akzeptablen Zeit reparierten.
  • an die Tankstellen an denen wir für umgerechnet gerade mal 1,- Euro (!) unseren Tank vollgemacht haben.
  • an den Militärsoldaten, den wir nach einer schweren Verletzung mit dem Notarztkoffer von meinem Bruder Oliver optimal erstversorgt und in einer abenteuerlichen Nacht-und-Nebel-Aktion ca. 120 km und in knapp 8 Stunden durch äußerst unwegsames Gelände in sein Heimatdorf gefahren haben.
  • an den libyschen Geheimdienst, der uns wohlgesonnen war, aber die Jungs aus München sprichwörtlich „ausgeraubt“ hatte.
  • an die Libyschen „Delikatessen“, wie den halben gekochten Schafskopf mit Schnuffel und Innereien, den ich dankend ablehnte.
  • an die schnurgeraden und hunderte Kilometer langen Straßen die teilweise in einem besseren Zustand als europäische Autobahnen waren.
  • an die Nächte die wir mit Einheimischen in der Sahari gemeinsam das Fladenbrot in der restlichen Glut des Lagerfeuers buken.
  • an die zähen nächtelangen Verhandlungen mit den Stammesältesten eines Dorfes, um den Rücktransport der Kawasaki nach einem Motorschaden an die ca. 1200km entfernte Grenze auszuhandeln.
  • und vieles vieles mehr…
Warum ich das schreibe?

Ich kenne Libyen ganz andersund bin betroffen von der aktuellen Situation. Ja, auch wir haben Libyen auch teilweise von seiner diktatorischen Seite kennengelernt. Mitunter war auch die medizinische Versorgung des Militärsoldaten ausschlaggebend dafür, dass wir in den Regionen in denen wir uns bewegten bereits vor unserer Ankunft von den dortigen Polizeichefs und Führungskräften positiv erwartet wurden.

Ein eingetauschter Gürtel, ein T-Shirt oder Schuhe konnten dabei auch zusätzlich wahre Wunder bewirken.Die zahlreichen Rebellen zeigen deutlich, dass Gaddafi nicht nur Anhänger hat. Dennoch – ich würde zu gerne wissen, welcher unserer Weggefährten jetzt auf welcher Seite steht, zumal wir uns überwiegend im westlichen Teil – also der Pro-Gaddafi-Region – aufgehalten hatten. Ich sehe Menschen, die aus ganz persönlichen aber auch politischen Gründen eine der beiden Seiten befürworten.

Nie hätte ich mir vorstellen können, dass im heutigen 20igsten Jahrhundert ein Land aus dem ich persönlich so viele Erinnerungen mit nach Hause genommen habe, so etwas passiert. Sicherlich, dass Gesamtthema ist äußerst komplex. Innerhalb von zwei bis drei Wochen in denen wir dort einen eher außergewöhnlichen „Urlaub“ verbrachten, kann man das gesamte Spektrum der politischen Interessen und Abhängigkeiten der verschiedenen Clans nicht überblicken.

Ich bin gespannt wann und wie der Umbruch zu einer demokratischen Wende im Norden Afrikas stattfinden wird. Weitere Eindrücke von einem friedlichen Libyen gibt es hier in meiner Bildergalerie.

Ein Gedanke zu “Libyen – als es noch friedlich war

  1. Das war eine schöne Zeit, an manche Dinge konnte ich mich gar nicht mehr erinnern andere könnte ich hinzufügen. An Libyen denke ich dieser Tage oft und werde irgendwann zurückkehren. Der Landgüter Serie 3 fährt immernoch in Heidelberg, sowie er damals unterwegs war. Danke für Deinen Blogpost.

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